Rückschritt durch Fortschritt

Freunde des Moments, die Gegenwart fühlt sich immer sehr fertig an. Alles wurde schon gedacht, sämtliche Fehler gemacht und die Dinge sind verfügbar wie nie. Hunger und Durst? Vergessen. Jetzt gibt es Brot und Milch in allen Arten und die Menschen sind satt und voller Freizeit und tanzen über Blumenwiesen wie glückliche Freunde. HARHAR. Und die Menschen sind laktoseintolerant, vertragen kein Gluten mehr und mähen multipel allergisch die Gänseblümchen aus ihren hitzegestressten Vorgärten. Wie enervierend. Da hat man sich wohl verklebt, bei der Mindset-Bastelei, könnte man meinen. Aber das passt schon. Menschen möchten das so. Es gibt gar ein „Gesetz“, um das bizarre Phänomen in Worte zu kleiden, so dass es selbst wie eine Heimsuchung klingt. Der Philosoph Odo Marquard (wir verdanken ihm solch Buchstabenbestien wie „Inkompetenzkompensationskompetenz“) diagnostiziert: „Wer – fortschrittsbedingt – unter immer weniger zu leiden hat, leidet unter diesem Wenigen immer härter.“ So sein „Gesetz der Penetranz der negativen Reste.“ Unglück durch Fortschritt. Kompassnadel verbogen. Man war also schon mal weiter, weiter hinten auf dem Zeitstrahl, kann man entsetzt rufen. Wir machen das nicht. Sondern rufen den Geist der Aufklärung an, auf dass er uns das Kapitel „Gesetze“ zur elastischen und zeitgenössischen Handlungsempfehlung zurechtweisen möge. #LifestyleInspo. Und ihr könnt relaxieren, an der Front der Gegenwart, und nonchalant vom „Vorschlag der höflichen Diskretion des positiven Überschusses“ sprechen. Falls jemand Anstößiges fragen sollte, z.B. warum es noch keine 2-Stunden Woche gibt. Außerdem? Die Dinge werden dann umso egaler, je unwichtiger sie sind, liebe Gestressten.